Unitas Fratrum

ein Reisebericht zu den Waldensern auf den Spuren der Herrnhuter Brüdergemeine 2017

Die Träger des Lichts in dunklen Zeiten

1. Die Fahrt beginnt

Woher komme ich? Das ist eine Frage, die man sich irgendwann stellt. Wer sind meine Vorfahren, woher kommt meine Kultur? Die Woche nach Ostern war der Verein Unitas Fratrum auf Reisen und ich hatte eine Frage mit: Woher kommt mein Glaube? Wer prägte die Brüder im 18. Jahrhundert, wer prägte die Reformation, wer prägte Hussiten und Unitas Fratrum im 15. Jahrhundert? Wenn die Spur zurück verfolgt wird, kommt man zu den Waldensern.



Die Fahrt startete in Deutschland, in Ötisheim-Schönenberg bei Stuttgart. Hier, wie an allen drei anderen Orten, die noch besucht wurden, steht ein Waldensermuseum, welches die Geschichte der Bewegung seit dem 12. Jahrhundert, aber auch die Besonderheit der regionalen Waldensergeschichte verdeutlicht.

In Schönenberg hatten wir das große Glück, dass unser Vereinsmitglied, Br. Herbert Temme aus Bad Boll, zugleich Vorsitzender des Waldenservereins Deutschlands ist und somit uns als Hausherr begrüßen und durch die Ausstellung führen konnte. Geschwister Temme hießen uns mit Kaffee und Kuchen zum Start unserer Reise im Henri-Arnaud-Haus willkommen. Henri Arnaud war derjenige, der 3.000 Waldenser 1699 aus Savoyen nach Württemberg führte.



Aber zunächst ein Kurzabriss der Geschichte: In den 1170er Jahren hatte der Lyoner Kaufmann Petrus Waldes ein Erweckungserlebnis und beauftragte einen Priester mit der Übersetzung der Evangelien ins Okzitanische. Kurz darauf versorgte er bei einer Hungersnot mit seinem Reichtum alle Armen der Stadt und zog anschließend selbst, ohne Vermögen als mittelloser Bußprediger umher; man nannte die entstehende Gruppe „Arme von Lyon“. Der Bischof hielt ihre Kritik an der Kirche für ungebührlich. Sie bemühten sich um offizielle Anerkennung in Rom, doch 1182 wurden sie exkommuniziert und der Stadt verwiesen. Sie wirkten nun als Wanderprediger in Südwest- und Nordostfrankreich sowie der Lombardei. Als Glaubensgrundsatz galt die alleinige Autorität der Heiligen Schrift; nur die drei Sakramente Taufe, Abendmahl und Beichte wurden anerkannt; Eid, Kriegsdienst und Todesstrafe wurden abgelehnt; die Bergpredigt war der Schwerpunkt ihrer Lehre. Ab 1215 wurden sie als Ketzer bezeichnet, verfolgt und umgebracht. Und doch konnte sich die Bewegung im Untergrund durch ganz Mitteleuropa ausbreiten und beeinflusste später Hussiten und Protestanten.



Nach einer Nacht in Königsfeld fuhren wir durch die Schweiz nach Italien. Br. Rudolf Grunert aus Dänemark hatte sich vorbereitet und las für uns kurze Einblicke in die Geschichte über das Bordmikro, während wir durch die schneebedeckten Berge und die windige Po-Ebene fuhren: „Die Katholische Kirche und deren Umfeld im ausgehenden 12. Jahrhundert in Europa“ oder „Verbreitung, Verfolgung und folgende Entwicklung der Waldenser“.



Ziel dieses Reisetages war Il Castagneto, unsere Herberge für die nächsten 3 Tage, gleich neben Torre Pellice, dem Hauptort der Waldenser weltweit. Herzlich nahmen uns die Herbergseltern, Familie Lazier auf. Da sie italienische und deutsche Verwandtschaft haben, war die Kommunikation für die ganze Gruppe einfach. Wie es im Übrigen viele dreisprachige Waldenser gibt, da der Austausch zwischen italienischen, französischen und deutschen Waldensern intensiv gepflegt wird.



2. Torre Pellice

Am ersten Italientag besuchten wir vormittags den hübschen Ort Torre Pellice. Br. Temme hatte uns mit Kontakten reichlich versorgt, sodass wir im Museum eine Führung durch die Gemeindeälteste Amalia Geymet bekamen. Mit Begeisterung und Hingabe erzählte sie uns die Geschichte, speziell auch von Italien.



Der Teil Savoyens, der heute zu Italien gehört, war das Gebiet, in das sich die Waldenser in der Verfolgung im 13. Jahrhundert zurückzogen. Die Hauptgeschichte der Bewegung spielt deshalb in diesen Tälern. Hier oben konnten sie weitestgehend ungestört leben und die Barben ausbilden und aussenden. Barbe kommt von „Barba“ und heißt Onkel auf Okzitanisch, der heute kaum noch vorhandenen Sprache Südfrankreichs/Savoyens. Die „Onkel“ waren die Wanderprediger, die zu zweit (ein junger und ein erfahrener) von Ort zu Ort gingen und das Wort in den Häusern weitergaben. Sie hatten ein dreifaches Versprechen abgelegt: Armut, Keuschheit und Gehorsam und gingen durch ganz Europa. Es gab keine Kirchengebäude. Die Waldenser waren über Jahrhunderte eine Bewegung. Auch zur Geheimhaltung war das Wort Onkel gut, denn so konnte bei Hausdurchsuchungen kein verräterisches Wort über den „Onkel“ fallen.



Erst mit Beginn der Reformation in Europa, veränderte sich die Struktur der Waldenser. Sie suchten bald Kontakt zu denjenigen, die es geschafft hatten, aus ähnlichen theologischen Gründen, gegenüber einer vom Evangelium abgewandten Kirche, Veränderungen zu erwirken.



Auch in Italien gab es Stätten der Reformation, in Venedig, Neapel oder Luca. Jedoch stoppte die Entwicklung hier mit dem Konzil von Trient. Allein in Venedig soll es 6.000 Anhänger der Reformation gegeben haben. Doch der entscheidende Grund für die mangelnde Durchsetzung der Reformation in Italien war der fehlende Schutz durch die Politik, wie es in Deutschland durch Fürsten geschah oder in der Schweiz durch die freien Städte. Auch die Hugenotten in Frankreich hatten viele Adlige auf ihrer Seite. Sie mussten zwar schlussendlich ins Exil, aber die Bewegung blieb bestehen. In Italien aber fehlte diese Rückendeckung – ein guter Grund, sich an Paulus‘ Worte zu erinnern, für die Obrigkeit zu beten, dass wir Schutz und ein ruhiges Leben vor dem Herrn haben.



1532 schlossen sich die Waldenser in der Synode von Chanferon der Reformation an, genauer gesagt der schweizerischen Reformation von Calvin. Zu ihm konnte Kontakt aufgenommen werden, die Argumente wurden ausgetauscht und die Einheit konnte hergestellt werden. Zur deutschen Reformation hatten sie keinen Kontakt herstellen können. Die Boten, die zu Martin Luther ausgesandt waren wurden auf dem Weg gefangen genommen und verbrannt.

Der Anschluss an die Reformation brachte den Waldensern zum ersten Mal Aufmerksamkeit in Mittel- und Nordeuropa, was ihnen bei der nächsten Verfolgungswelle diplomatische Unterstützung der protestantischen Nationen und Schutz gab. Die Barben wurden nun Pfarrer und 1550 wurde die erste Kirche in den Tälern gebaut, oder Temple, wie sie in Abgrenzung zu den katholischen Chiesa genannt werden.



Die Waldenser betrieben, wie die Herrnhuter auch, eine starke Waisenarbeit, investierten in die Schulbildung der Kinder und die Alphabetisierung und gründeten Hospize. Es begeisterte mich zu sehen, wie in den verschiedenen Bewegungen, immer wieder ähnliche Schwerpunkte zu sehen sind – wie es in der Bibel heißt, dass Gott besonders für das Recht der Witwen und Waisen streitet. Auch hier machte ich mir Gedanken, was die Arbeit unter den Waisen heute in unserem Kontext bedeutet. In einer Gesellschaft, in der die Grundbedürfnisse nach Schutz, Nahrung und Obdach vom Staat gedeckt werden, bleibt trotzdem die seelische Not. Den biblischen Auftrag, für die Waisen zu sorgen, sehe ich bei Pflegefamilien umgesetzt und würde mir eine Unterstützung und Betonung dieser Arbeit durch die Kirchen und Gemeinden wünschen.



Von der Mitte des 18. bis ins 19. Jahrhundert war eine friedliche Zeit ohne Verfolgung, jedoch waren sie mit Ansiedlungsverboten in Städten belegt, auf Ghettos verwiesen und mit eigenen Gesetzen beschränkt. Erst 1848 bekamen sie, zeitgleich mit den italienischen Juden, die gleichen zivilen Rechte wie alle anderen Bürger zugesprochen. In der Folge gründeten sie Schulen, Krankenhäuser und Altenheime und bauten große soziale Werke auf. Zu dieser Zeit waren noch 90% der Bürger Italiens Analphabeten, während fast alle Waldenser lesen und schreiben konnten. Heute kommen Behindertenarbeit und Arbeit unter Migranten dazu. Die Waldenser sind mittlerweile Teil der Methodistischen Kirche Italiens.



Nach dem Museum und den umfangreichen Ausführungen, führte uns Amalia Geymet noch in die Kirche von Torre Pelice und das Synodalgebäude, wo jährlich im Herbst Synodale aus allen Waldensergebieten weltweit zusammenkommen, neben den drei Ländern in Europa besonders aus Südamerika.



3. Das Angrognatal

Am Nachmittag ging es das Angrogna Tal hoch. Hier trafen wir den jungen Pfarrer Marco Di Pasquale. Nach dem Besuch einer italienischen Gaststätte in den Bergen (immer mit einem Glas Rotwein) führte er uns einen Pfad entlang, an dem wir das am Vormittag Gehörte erleben konnten. Auch Pfarrer Di Pasquale hat uns als Freund von Br. Temme herzlich in seinem Pfarrgebiet empfangen, ein Gebiet, was durch die gebirgige Lage, fernab der Zentren und verbunden nur durch schmale Straßen, stark von Abwanderung betroffen ist.



Oberhalb des Ortes Angrogna besuchten wir eine ehemalige Beckwithschule. Der englische General Beckwith war im 19. Jh. ein großer Förderer der Waldenser und baute das Schulsystem auf. Alle Temple waren 1695 zerstört, er ließ diese wieder aufbauen. Außerdem errichtete er 120 kleine Schulen. Diese ehemalige Beckwithschule ist heute ein kleines Museum, welches Frauen aus der waldensischen Geschichte zeigt. Gegenüber des Museums steht ein Temple. Dieser war früher quer eingerichtet, wie bei uns Herrnhutern üblich, mit General Beckwith änderte es sich zur Längsrichtung, wie in England üblich. Durch Beckwith ist auch das Harmonium eingeführt worden, vorher wurde immer a capella gesungen und ausschließlich die Genfer Psalmen.



Pfarrer Di Pasquale erläuterte uns einige Besonderheiten im Gottesdienst, von denen bemerkenswert war, dass der einzige der redet der Pfarrer ist. Selbst das Vaterunser wird nur von ihm gebetet, die Gemeinde darf lediglich singen. Dies ist Tradition in den Tälern.



Der Spazierweg führte uns weiter zum Denkmal von Chanferon. Es steht unterhalb der Wiese, auf der die Synode 1532 mit knapper Mehrheit beschloss, sich der Reformation anzuschließen. Dabei stimmten die Laien mit große Mehrheit dafür, die Barben waren mehrheitlich gegen den Anschluss. Außerdem wurde auf der Synode Geld für die erste reformierte französischsprachige Bibel gesammelt, die dann durch den Cousin Calvins übersetzt wurde.



Weiter auf dem Weg kamen wir wieder zu einer Beckwithschule, welche so eingerichtet ist, wie sie früher genutzt wurde, inklusive Schulbänken, -tischen und -büchern. In einer Ecke steht die italienische Fahne mit savoyischem Kreuz.



Die letzte Station am Weg war die Chiesa de la Tana – die Höhlenkirche. In Zeiten der Verfolgung kamen hier Waldenser zum Gottesdienst zusammen. Der Einstieg musste auf allen Vieren geschehen. Nur ein Lichtschacht nach oben gab uns genug Helligkeit, um uns zu orientieren. Drinnen sangen wir zusammen „Das einige Notwendige“ und sprachen das „Vater Unser“.



Pfarrer Di Pasquale verabschiedete sich anschließend und wir fuhren das Angrognatal hoch, bis zum Ende der Straße, wo wir zur früheren Barbenschule kamen. Oberhalb einer kleinen Ortschaft stehen diese kargen, zugigen Steinhäuser. Das war für mich ein bewegender Moment, mir vorzustellen, dass hier vor Jahrhunderten Menschen eine Art Bibelschule machten, um dann regional in Savoyen, sowie der Schweiz, Deutschland, Böhmen und anderen Ländern, unter Gefahr für Leib und Leben die Gute Botschaft zu verbreiten. Sie waren ein Licht in Zeiten der Finsternis und trugen die Fackel weiter.



4. Die Region

Am nächsten Morgen ging es mit dem Bus ins Nachbartal. Dazu mussten wir zunächst in die Ebene hinunterfahren, um dann zwischen den Bergen das Chisonetal entlangzufahren und ins Germanasca Tal abzubiegen. Und auch hier waren es wieder die Kontakte von Br. Temme, durch die wir zur Führung durch den Tag Christina Cericola aus Torre Pellice hatten. Sie erzählte uns schon im Bus viele Einzelheiten der Region: Die Winterolympiade vor einigen Jahren, die Landwirtschaft und Industrien, die es gibt oder die verschwunden sind und die Abwanderung der Jugend.



Als Ziel hatten wir am oberen Ende des Germanascatals den kleinen Ort Prali und oberhalb das Haus Agape, ein Waldenser-Zentrum zur Förderung des Friedens nach dem Zweiten Weltkrieg. Waldenser waren in den Kriegszeiten auf beiden Seiten der Front. In Italien gab es speziell mit dem Wechsel der Seiten, der Besetzung durch Deutschland und dem Partisanenkrieg eine Sondersituation. Dieses Zentrum bot nun, egal ob Deutschen, Italienern oder Franzosen, früheren Faschisten oder Partisanen, einen Ort des Austauschs. Wir wurden von dem jungen Team aus Freiwilligen und langjährigen Mitarbeitern empfangen und bekamen eine Führung durch das Haus. Es ist bewusst ein offen gehaltenes Haus, mit Mehrbettzimmern, großen Fenstern nach vorn und hinten ausgerichtet, alles auf Gemeinschaft und Verbundenheit konstruiert. Ab den 60er Jahren entwickelte sich die Vision von Agape weiter, z.B. Camps mit Afrikanern zur Entkolonialisierung. Neue Themen, die Agape heute behandelt, sind etwa die Unterstützung von Familien oder wie sich Homosexualität und Gender mit dem Christentum verhält.



Von Prali aus ging es wieder hinunter in die Ebene nach Pinerolo, der Stadt, die den Tälern vorgelagert ist. Hier begrüßte uns der Pfarrer des dortigen Temple. Er stellte seine Gemeinde vor und wir konnten Fragen zur aktuellen Lage der Kirche stellen. Eine Aktion der Kirche fiel gleich auf: Im Mittelgang stand ein roter Stuhl, mit roten Schuhen, welcher an Gewalt gegen Frauen erinnert, eine Aktion, die in vielen italienischen Kirchen derzeit läuft. Er erläuterte uns auch das Wappen der Waldenser: Ein Leuchter auf der aufgeschlagenen Bibel, mit 7 Sternen drumherum, die die 7 Kirchen aus der Offenbarung darstellen und dem Schriftzug „Lux lucet in tenebris“ – das Licht leuchtet in der Finsternis.



Und auch er erklärte wieder, wie schwer es für die Gemeinde in einer Region ist, die stark von Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen ist. Nichtsdestotrotz gibt es mit der Arbeit unter jungen Familien und Migranten viel Hoffnung. Seine Gemeinde ist die größte in der Region, da es in der Stadt für die Waldenser noch mehr Arbeit gibt, als oben in den Bergtälern.



Die Abende bei Tagungen und Reisen sind immer von intensivem Austausch geprägt. Der Tag wird rekapituliert, dann brüderische Themen besprochen, sich über die nächste Tagung oder Veröffentlichung ausgetauscht und abschließend in alten Zeiten geschwelgt. Bei italienischem Rotwein, ausgeschenkt von unseren holländischen Kellermeistern, die nie um einen witzigen Spruch verlegen waren. Vielen Dank den Brr. Leo Baauw und Henk Hoffland für diesen gemeinschaftsfördernden Dienst!



5. Auf nach Frankreich!

Nun hieß es Abschied nehmen von Il Castagneto. Laziers hatten in den drei Tagen uns wunderbar betreut. Die Fahrt ging weiter durch die Berge in Richtung Frankreich. Wir fuhren wieder durch das Chisonetal, das im Gegensatz zu seinen Nebentälern, ein Durchgangstal ist. Durch das Händler, Nachrichten und Armeen zogen. Deshalb war es für die notwendige Zurückgezogenheit der Waldenser nicht zum Ansiedeln geeignet.



An der engsten Stelle des Tals liegt, strategisch wichtig, die Forte di Fenestrelle, die zweitgrößte Festungsanlage der Welt nach der Chinesischen Mauer. Auch hier konnte von einem Mitfahrer ein Kurzvortrag gegeben werden. Prof. Jürgen Lafrenz hatte Kopien vorbereitet und erklärte die strategische Bedeutung des Passes und die enorme Menge an Festungen, die im 18. Jahrhundert in Italien und Frankreich entstanden, unter denen diese die Größte ist.



Die Fahrt ging weiter über den Pass bei Sestriere und Montgenèvre, immer der Durance folgend in die Provence. Hier war unser Ziel die in der südlichen Provence liegende Gebirgskette, der Luberon – malerisch schön, bei über 20 Grad Celsius, während in der Heimat der letzte Wintereinbruch tobte.



Wir kamen in Merindol an, dem früheren Hauptort der Waldenser im Luberon, wo heute ein Museum zu ihrer lokalen Geschichte steht. Die Besiedlung fand zwischen den 1480er Jahren bis 1500 statt. Vorher lebten keine Waldenser in der Region. Aus den oberen Tälern Italiens wanderte ein Viertel von den damals 40.000 Waldensern in den Luberon aus, eine durch Krieg und Pest entvölkerte Region. Hier gründeten sie eigene Ortschaften, bekamen aber bald durch die beginnende Reformation Probleme mit den Ortsherren.



In Merindol herrschte mehr Freiheit als in den umliegenden Waldenserorten, da es dem Bischof von Marseille gehörte, der weit weg wohnte. So war keine lokale Obrigkeit anwesend und dieser Ort entwickelte sich zum Treffpunkt der Waldenser. Doch 1545 kam es durch Soldaten, die Jugendliche festnehmen sollten, zum Massaker. Ein Viertel der 10.000 Waldenser wurde von Soldaten rechtswidrig umgebracht. Dieses Massaker fand erstmals großen Widerhall in anderen europäischen Ländern und führte zu diplomatischer Unruhe. Der Befehlshaber wurde zum Tode verurteilt. Mit dem Edikt von Nantes kehrte 1598 für knapp 100 Jahre Ruhe ein.



Diese spannende Geschichte und alle Entdeckungen, die wir in Frankreich machen durften, verdankten wir Pfarrer Horst Deuker, welcher uns als Ruheständler mit viel Engagement anderthalb Tage durch den Luberon begleitete.



6. Durch den Luberon

Am nächsten Morgen führte uns Pfarrer Deuker durch Lourmarin, ein malerisches Örtchen mit 1.800 Einwohnern, das heute der Hauptort der französischen Waldenser ist. Am Schloss gab er uns einen Überblick über die Ortsgeschichte und im Temple, der nun ganz nach „normaler“ Kirche aussieht, erzählte er von der neueren Geschichte der Waldenser in Frankreich. Auch hier ist sie calvinistisch geprägt. Man ist stolz auf die Vergangenheit, aber hat kaum noch waldensische Identität – eine Entwicklung, die auch wir in unseren Gemeinorten erleben. Nur etwa 20% der Kirchenmitglieder haben noch waldensische Herkunft.



Erst jetzt fügten sich bei mir die losen Fäden der verschiedenen Geschichten zusammen. Richtige Waldenserkirchen trifft man ja gar nicht! Seit 1533 gibt es faktisch keine Waldenser mehr, sondern alles ist evangelisch. So ist die Geschichte ab dem 16. Jahrhundert Teil der Geschichte der Protestanten Frankreichs. Und sie prägten diese auch gleich am Anfang, durch die Finanzierung der der ersten französischsprachigen Bibel.



Ein Höhepunkt für alle Historiker kam nun noch mit dem Vortrag von Prof. Gabriele Audisio, Waldenserforscher aus Nizza, der auf unsere Anfrage hin gern für den Vormittag vorbeikam. Mit Witz und recht guten Deutschkenntnissen begrüßte er uns. Den Fachvortrag wollte er dann aber doch lieber auf Französisch halten und Geschwister Gembicki übersetzten. Er schrieb seine Doktorarbeit über den Zeitraum 1450-1520 und so nannte er den Vortrag auch: „Qui étaient les vaudois de Provence (15e-16e-siècles)“.



Voll Begeisterung klärte er uns auf, wie man aus den wenigen zur Verfügung stehenden Akten die Waldenser herausfiltern kann, wenn es offiziell doch gar keine Waldenser gibt. Es gibt kaum Kirchenbücher, aber Südfrankreich steht in der Tradition des römischen, geschriebenen Rechts. Über alle denkbaren weltlichen Händel wurde Buch geführt und aus Nebenbemerkungen können Schlüsse gezogen werden.



Sie wurden als Immigranten angesiedelt, damit Bauern das Land bestellen. Dass sie Häretiker waren, war unbekannt oder wurde absichtlich ignoriert. Doch es gibt kleine Bemerkungen und Unterschiede bei Eheurkunden und Testamenten im Vergleich zu Katholiken. Zu 85% heirateten sie intern in den Dörfern. Sie führten ein ruhiges Leben, nach außen nicht zu unterscheiden von den Katholiken, auch religiös. Die besondere Identität gaben ihnen die Barben. Die besuchten ihnen bekannte Familien, kamen abends an, blieben dann über Nacht und zogen weiter. Eine Missionstätigkeit im Luberon ist nicht nachgewiesen. Einmal im Jahr trafen sich die Barben in den Alpen, trugen alle Spenden zusammen und teilten sie auf, die eine Hälfte für die Armen und die andere für ihren Verkündigungsdienst.



Aus den Unterlagen heraus folgert Prof. Audisio, dass der Bischof und der Feudalherr gewusst haben mussten, dass die neue Bevölkerung Waldenser waren, da sie sich in ihrem Lebenswandel separiert hielten. Sie müssen weggeschaut haben, weil die Waldenser Steuern zahlten und nicht negativ auffielen. Doch warum änderte sich die Lage? Es sind die 1530er Jahre. Die kurz vorher in Deutschland herrschenden Bauernkriege sind für den französischen König direkt verbunden mit dem Protestantismus. Der Staat erhöhte den Druck, um diesen Protestantismus mit seinen Unruhen draussen zu halten. Durch den Druck beschleunigte sich wiederum der Anschluss der Waldenser an die Reformation.



Nach Gaststättenbesuch und Schlendern durch Lourmarin, ging es mit dem Bus nach Fontjoyeuse, einer kleinen Ortschaft, in der man noch die Bauweise der Waldenser finden kann: Eng zusammenstehende Häuser und zwischen den Häusern Übergänge, die zur Flucht genutzt werden können. Sie haben Außentreppen wie in den Herkunftstälern und keine Verbindung des Erdgeschosses zum Obergeschoss – architecture lombarde. Und es gibt einen Brunnen mit leckerem, frischem Wasser, was bei den sommerlichen Temperaturen im Frühling sehr angenehm war. Ohne Führung durch Pfarrer Deuker hätten wir diesen Ort, der in keinem Reiseführer steht, nicht finden können.



Nun fuhren wir noch nach Cabrières d'Aigues, wo wir in einer in den Fels geschlagenen Kirche, die von Katholiken und Protestanten heute genutzt wird, vom Vorsitzenden des regionalen Geschichtsvereins geführt wurden. Der Ort ist 1495 komplett aus dem Piemont umgezogen. Wir schauten uns noch eine Ölmühle an und konnten das frische Öl und den Wein des Ortes kaufen, doch viel konnten wir an Informationen gar nicht mehr aufnehmen.



Nach einem letzten, geselligen Abend (auch hier wieder ein Dank an die Holländer), ging es die lange Strecke vom Luberon nach Königsfeld zurück, mit einem ungeplanten Umweg in Lyon. So sahen wir doch noch einiges vom Geburtsort des Gründers Petrus Waldes, auch wenn hier gar nichts, nicht ein mal eine Schautafel, auf ihn und seine Wirkung auf ganz Europa hinweist.



Was mich immer an dem Verein begeistert und ich mit einem Dank an die Mitfahrer weitergebe, das ist, dass alle Treffen und Reisen ein Gemeinschaftswerk sind. Viele tragen mit Wissen, Kontakten und eigener Vorbereitung zu einem spannenden Programm bei, sodass jeder geschafft und glücklich mit vielen Eindrücken heimkehren kann. Für mich persönlich war die Reise ein Eintauchen in Glaubensgeschichte, zu den Vorfahren, die das Licht des Glaubens durch dunkle Zeiten trugen.


Fest am 1. Mai in Ötisheim-Schönenberg

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Wir unterhalten das Haus von Henri-Arnaud, das heute ein vielbeachtetes
Museum ist, das die Geschichte der Waldenser in ihrer Heimat darstellt und das Leben und den Aufbau neuer Gemeinden nach der Vertreibung 1699 in Baden, Württemberg und Hessen zeigt.

Im Haus ist die zentrale Waldenserbibliothek in Deutschland, die gerne genutzt wird und von uns aktuell gehalten wird.

Ein wichtiger Zweig ist die Verbindung in die heutige Waldenserkirche von Italien und Uruguay. Hier sind wir Partner der Kirche und Diakonie im Rahmen unserer Möglichkeiten.


Mitgliedsantrag

Deutsche Waldenservereinigung e.V.

Einen Mitgliedsantrag finden Sie in der Rubrik "Deutsche Waldenservereinigung".


Gremien:

Die Deutsche Waldenservereinigung besteht aus einem Vorstand mit 5 Mitgliedern
und hat einen Beirat, der sich aus 8 gewählten Mitgliedern, Vertretern von Landeskirchen, der örtlichen Gemeinde, Kirchengemeinde zusammensetzt.
Der Beirat kann auch zusätzliche Mitglieder berufen.
Der Gesamtverein wird durch die Mitgliederversammlung, die 1 x jährlich in Ötisheim-Schönenberg tagt, repräsentiert.


Links

Hier finden Sie die Links zu einigen wichtigen Partnern.

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Europäischer Hugenotten- und Waldenserpfad

Trägerverein wurde in Neu Isenburg gegründet

Nach vielen Vorbereitungen, Planungen, Überlegungen und Reisen ist es geschafft.
Der Europäische Hugenotten und Waldenserpfad ist soweit vorbereitet, dass die Gründung des Trägervereins erfolgen konnte.

32 Gründungsmitglieder hoben den Verein am 25.6.2009 in Neu Isenburg
aus der Taufe.

Für die DWV ist Präsident Herbert Temme Beisitzender des Vorstandes geworden,
Dr. Albert de Lange wurde für den wichtigen Ausschuss " Qualitäts- und Marketingbeirat berufen.


Stiftung der Deutschen Waldenservereinigung e.V.

im Andenken an Frau Dr. Monika Hepp

Frau Dr. Hepp, die mit 50 Jahren leider viel zu früh verstarb war viele Jahre
im Beirat und Vorstand der Deutschen Waldenservereinigung e.v. aktiv und engagiert tätig. Insbesondere dass Museum der DWV lag ihr in seinem Fortbestand am Herzen.
In großzügiger Weise hat sie ihren Nachlass der Deutschen Waldenservereinigung e.V. vermacht.
Der Vorstand und Beirat haben im Andenken an Frau Dr. Hepp beschlossen einen Anteil des Erbes in eine neue Stiftung einzubringen.


Stiftung "Adam Wohlfahrt"

Mörfelden-Walldorf

Neben der Stiftung der Deutschen Waldenservereinigung e.V. zur Erinnerung an Frau Dr. Monika Hepp gibt es bereits sei 2006

die Stiftung "Adam Wohlfahrt" in Mörfelden-Walldorf.


Einige Informationen hierzu nachfolgend:



Satzung der Deutschen Waldenservereinigung e.V.

Fassung von 2004 und 2007

Deutsche Waldenservereinigung e.V.
Satzung
Henri-Arnaud-Haus
Ötisheim – Schönenberg

2004/2007


Mitgliedsantrag

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Wir wollen Sie mit vielerlei Informationen zur Waldenservereinigung
und ihrer Arbeit auch für eine Mitgliedschaft gewinnen.

In verschiedenen Fenstern haben wir unsere gegenwärtige Arbeit dargestellt,die Waldensergemeinden in Deutschland werden Ihnen vorgestellt,
der geschichtliche Hintergrund unserer Tätigkeit, aber auch die Inhalte unserer Satzung.

Wir wollen Sie einladen mit uns die Erhaltung des Waldensermuseums und seiner Bibliothek zu unterstützen und so ein Stück der protestantischen Geschichte in unserem Land zu bewahren.


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