Wiesenfeld bei Burgwald

Die gotische Johanniterkirche aus dem 13. Jahrhundert mit einem stattlichen Wehrturm bestimmt das Bild des Dorfes Wiesenfeld am Rand des Burgwaldes in Nordhessen. Bat-tenberger Grafen gründeten hier nach der Heimkehr von Kreuzzügen ins Heilige Land eine kleine Kommende des Johanniterordens, 1238 erstmals urkundlich erwähnt. Nach der Reformation wurde das Klostergut von den hessischen Landgrafen zunächst verpach-tet und 1755 dann an zehn Hugenottenfamilien aus einer früheren Dorfgründung Wiesen-feld sowie an dreizehn Familien in Erbleihe übergeben, für die es in der benachbarten Kolonie Französisch-Todenhausen zu eng geworden war.

Geschichte

Mit diesen Todenhäuser Zuzüglern erhielt das neu gegründete Hugenottendorf, das vorwiegend aus Familien aus dem Dauphiné bestand, auch seine ersten Waldenserfa-milien, die im 18. Jahrhundert etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachten. Angesiedelt wurden die 23 Familien in den ehemaligen Klostergebäuden sowie in drei parallelen Häu-serzeilen, die bis heute den Dorfkern charakterisieren. Das im Rahmen der Dorfverschö-nerung freigelegte Fachwerk einzelner Wohnbauten läßt sogar noch die ursprüngliche Struktur der von Todenhausen umgesetzten Gründerhäuser erkennen.
Mit den Gemeinden der Waldenserkirche im Chisonetal, der Herkunftsregion der Wiesenfelder Waldensersiedler, gab es bis in die 1980er Jahre Kontakte und gegenseitige Besuche. Als 1970 in Wiesenfeld der Deutsche Waldensertag stattfand, war aus Italien auch eine Delegation mit Pfarrer Enrico Geymet zu Gast. Das evangelische Kirchspiel Wiesenfeld veranstaltete Familien- und Jugendfreizeiten in Pomaretto und Villar Perosa. Bei festlichen Anlässen tragen Frauen des Heimatvereins Wiesenfeld heute noch Huge-notten- und Waldensertrachten.


Nach 1945

Als 1946 ein Transport mit ungarndeutschen Heimatvertriebenen im Kreis Frankenberg ankam, wurden die ersten katholischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in dem bis dahin streng protestantischen Dorf aufgenommen. Bereitwillig stellten nun die einstigen Glaubensflüchtlinge den Neuankömmlingen ihr Gotteshaus zur Verfügung. Eine Rückbe-sinnnung auf die Traditionen der Siedlergruppen Johanniter, Hugenotten, Waldenser und Heimatvertriebene brachte die 750-Jahrfeier von Wiesenfeld im Jahre 1988 mit zahlrei-chen Vorträgen, Ausstellungen und einem Buch zur Dorfgeschichte. Im Rahmen der Ar-beiten für diese Dorfchronik wurden auch als letzter Sprachrest aus dem 18. Jahrhundert sämtliche im Gebrauch befindlichen französischen Flurnamen erfaßt. Älteste Quellen im Pfarramt Wiesenfeld waren das Kirchenbuch von 1723-1797 sowie ein Protokollbuch des Kirchenvorstandes und der Armenkasse ab 1723.

Heute

Wiesenfeld, heute mit 310 Einwohnern kleinster Ortsteil der Gemeinde Burgwald, veränderte sich nach dem Krieg von einem rein durch Landwirtschaft geprägten Dorf zu einer Wohngemeinde, deren Erwerbstätige in den Industriebetrieben des benachbarten Ortsteils Burgwald, in Allendorf/Eder und in Frankenberg beschäftigt sind. Im Rahmen des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“, an dem sich die Wiesenfelder mit großem Engagement beteiligten, wurde das Dorf 1993 Bundessieger. In den letzten Jah-ren wurde, angelehnt an die historische Tradition des Dorfes, der ehemals zum Kloster gehörige Kräutergarten (Flurname „Wärzegoarde“) wieder neu angelegt, ein Backhaus entstand, das ehemalige Raiffeisenlager wurde zur „Hugenottenstube“ mit Bewirtungs-möglichkeit für Wandergruppen umgebaut, in das ehemalige Komturhaus zog eine Kunsthandlung mit Galerie ein, und in einem mittelalterlichen Klosterkeller wird die Ge-schichte des Dorfes mit einer Ausstellung von archäologischen Scherbenfunden doku-mentiert.

Karl-Hermann Völker

Literatur: Karl-Hermann Völker (Hrsg.), Wiesenfeld. Johanniterkommende. Hugenotten- und Waldenserkolonie . Industriehof. Eine Dorfgeschichte zur 750-Jahr-Feier in 1988, Frankenberg 1988.



Bildunterschrift (Farbdia):
Rund um die gotische Johanniterkirche und die ehemaligen Klostergebäude von Wiesen-feld wurden im Jahr 1755 insgesamt 23 Hugenotten- und Waldenserfamilien angesiedelt. Die planmäßige Anlage der Kolonie mit drei Bauzeilen und den ursprünglichen Fach-werkhäusern läßt sich noch heute bei einem Rundgang durch das Dorf deutlich erkennen

Bildunterschrift (sw):
Beim Deutschen Waldensertag 1970 war in Wiesenfeld auch diese Delegation der Wal-denserkirche aus dem Chisonetal mit Pfarrer Enrico Geymet (links) zu Gast. Die ehema-lige Wiesenfelder Klosterkirche im Hintergrund diente ab 1755 den hugenottischen und waldensischen Siedlern als temple


Bildunterschrift (sw):
In der alten Dorfschule von Wiesenfeld wurden die Kinder bis Mitte des vorigen Jahr-hunderts noch in französischer Sprache unterrichtet. Bevor das Schulhaus 1838 errichtet worden war, fand der Unterricht in Wohnstuben oder in einer Scheune statt


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