Walldorf (Mörfelden-Walldorf)

Zur größten deutschen Waldensergemeinde herangewachsen ist das hessische Walldorf, 15 km südlich von Frankfurt gelegen. Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt erlaubte hier 1699 die Ansiedlung mehrerer hundert Glaubensflüchtlinge aus Roure und Méan im Pragelatal. Wegen der vielen Schwierigkeiten blieben aber nur 14 Familien mit 62 Personen. Ihr Pfarrer Jacques Papon wohnte in Frankfurt. Der Versuch, die Waldenser im benachbarten Mörfelden anzusiedeln, wurde von den Bürgern dort abgelehnt. Die Waldenser sollten vielmehr jahrzehntelang brachliegendes Land einer landgräflichen Domäne urbar machen. Bis 1717 entstanden 15 Häuser mit Scheunen und Stallungen sowie die Kirche mit Pfarrhaus, allesamt in Fachwerk errichtet, am grand chemin (der heutigen Langstraße) gelegen. Die Waldenser brachten die Kunst der Obstveredelung mit und bauten bereits früh auf den ihnen zugewiesenen 7,5 Hektar Getreide, Kartoffeln und Aprikosen an. Bis 1814 wurde in der Kirche französisch gepredigt, während schon ab 1750 die Zweisprachigkeit üblich war. Die Kirchenbücher sind ab dem Jahre 1699 bewahrt geblieben.

Geschichte

Walldorf wuchs bis ins 20. Jahrhundert hinein in bescheidenem Ausmaß. 1800 zählte es 256 Einwohner, seit 1879 an das Schienennetz angeschlossen, waren es 1900 bereits1.535. Danach setzte ein noch größeres Wachstum ein. Im Jahre 1939 hatte Walldorf 4.500 Einwohner, 1962 waren nach der zweiten Vertriebenenwelle aus dem Osten 10.000 erreicht, und Walldorf wurde zur Stadt erhoben. Heute sind es 16.000 Einwohner, die aus rund 100 Nationen kommen (Ausländeranteil 20 %). Seit 1977 bildet Walldorf mit dem gleichgroßen Mörfelden eine gemeinsame Stadt. Es war keine Liebesheirat, eher eine Vernunftehe im Zeichen der Territorialreform. Mörfelden-Walldorf expandierte durch neue Wohn- und vor allem Gewerbegebiete, die es heute ermöglichen, mehr als 4.000 Menschen Arbeitsplätze zu geben. Dreimal soviel aber pendeln aus, wobei die Menschen meist auf dem Rhein-Main-Flughafen und in der Bankenstadt Frankfurt arbeiten (und nur noch wenige bei der Opel AG). Walldorf profitierte mit von der deutschen Teilung, die Frankfurt zum Finanzzentrum machte. Es galt, bis in die sechziger Jahre hinein, als arme Gemeinde ohne Wald, auf kargem Boden, mit knappen Gemeindefinanzen hauszuhalten. Erst die Dienstleistungsgesellschaft und die Nähe zur Mainmetropole schufen Abhilfe.
Mörfelden-Walldorf selbst verfügt über das Übliche an Daseinsfür- und Vorsorge. Seit drei Jahren können Schüler an der Gesamtschule, zwischen beiden Stadtteilen, ihr Abitur machen. Es bestehen Verschwisterungen mit Wageningen (NL) und Vitrolles (F), eine mit Torre Pellice in Italien erscheint möglich.


Kirchen

Bis vor 100 Jahren gab es kaum Katholiken in Walldorf. 1927 wurde hier eine kleine katholische Kirche errichtet, die 1962 durch einen großen Bau für die vielen Egerländer und Donauschwaben, die meist katholisch sind, ersetzt wurde. Die einzige jüdische Familie wurde 1942 deportiert. Die evangelische Kirchengemeinde errichtete 1805 die alte Waldenserkirche und 1963 die neue Kirche. Zwischen ihnen wurde 1965 das Gemeindezentrum gebaut. Die evangelische Gemeinde, die einen Kindergarten unterhält, zählt derzeit nur noch 6.000 Mitglieder. Zwei Pfarrerinnen und ein Pfarrer arbeiten in der Gemeinde, in der die Kirchenmusik (mit Kirchen- und Bläserchor und Kantorei) besonders gepflegt wird. Es bestehen eine höchst aktive Frauenhilfe (über 1.100 Mitglieder) und der Christliche Pfadfinderbund „Waldenser“.

Andenken

Die Erinnerung an die waldensische Vergangenheit und die Beziehungen zu den Waldensern in Italien werden vor allem von den „Freunden der Waldenser“ gepflegt. Dieser Verein aus dem Jahre 1978, der der Deutschen Waldenservereinigung angeschlossen ist, hat gut 270 Mitgliedern.
Besonders informativ für die Geschichte von Walldorf ist das Heimatmuseum, das seit 1976 zunächst in der Stadthalle existierte und 1991 einen Neubau in der Langstraße, der Urzelle Walldorfs, beziehen konnte. Die Exponate wurden größtenteils von der „Arbeitsgemeinschaft für Walldorfer Geschichte“ zusammengetragen.

Karl-Heinz Kubb (Zeichen, dass er gestorben ist)




Literatur: Heinz Martin Braun, Walldorf. Chronik einer Waldenser-Gemeinde, Mörfelden-Walldorf 1990.



Zu den Bildern:


Haltestelle Walldorf der am 17. November 1879 eröffneten „Hessischen Ludwigs-Eisenbahn“
der Strecke Frankfurt-Mannheim. Foto aus dem Jahre 1889 (Arbeitsgemeinschaft für Walldorfer Geschichte)

Im Jahre 1905 kam die erste, dampfgetriebene Dreschmashine nach Walldorf. Besitzer waren Wilhelm Cezanne und Konrad Vinson. (Arbeitsgemeinschaft für Walldorfer Geschichte)

Das neue Heimatsmuseum an der Langstraße (Arbeitsgemeinschaft für Walldorfer Geschichte)


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