Schwabendorf bei Rauschenberg

Die ehemalige Hugenotten- und Waldenserkolonie Schwabendorf in der Nähe von Marburg feierte bereits 1987 ihr 300-jähriges Bestehen. Damit ist Schwabendorf die älteste oberhessische Kolonie.
Nachdem Landgraf Carl von Hessen-Kassel schon im April 1685 in seiner Freyheits Concession und Begnadigung Aufnahme, freie Religionsausübung und eine Reihe von Privilegien zugesichert hatte, kamen ca. 3.800 überwiegend hugenottische Flüchtlinge in sein Land. In und um Kassel war das Aufnahmevermögen aber schon bald restlos erschöpft; so mußte man sich auch in Oberhessen um Siedelplätze bemühen. Auch die Stadt Rauschenberg erklärte sich bereit, Flüchtlinge aufzunehmen.
116 Réfugiés in 32 Familien, zumeist aus dem Dauphiné stammend, gründeten 1687 auf einer Hutefläche die Kolonie „Auf der Schwabe“, aus der später Schwabendorf wurde. Unter der Kolonisten war zunächst nur ein eher kleiner Anteil von Waldensern, die erst nach und nach in das neue Dorf kamen. Vor allem Jean Vinçon (1688, aus Mentoulles-Lanfondufau) und Daniel Aillaud (1699, aus Balbouté), die beide ihrem Pfarrer Daniel Martin nach Schwabendorf gefolgt waren, haben ihre Nachkommen bis in die heutige Zeit tragen können.

Die Siedlung

In der neuen Kolonie entstanden entlang der planmäßig angelegten Sommer- und Winterseite auf den gleichgroß zugeteilten Siedelportionen 32 Kolonistenhäuser, nachdem die Flüchtlinge zunächst in einfachen „baraquen“ aus Stangen und Stroh untergebracht waren und unvorstellbares Not und Elend herrrschte. Hilfe von außerhalb, von den benachbarten Orten, kam nur wenig und nicht freiwillig; man mochte sie nicht sehr, die Fremden, die eine andere Sprache sprachen und zudem noch staatliche Unterstützung und Privilegien erhalten hatten. So war man in erster Linie auf sich selbst angewiesen. Dem großen Fleiß, dem Gemeinschaftsgeist und der Bereitschaft, dem Nächsten in der Not zu helfen, waren der Grund dafür, daß sich die Kolonie unter der Führungs ihres Waldenserpfarrers Daniel Martin am Leben halten konnte. Nach zwei, drei Jahrzehnten stand das Dorf weitgehend auf eigenen Füßen. Verantwortlich dafür war in erster Linie eine emporblühende Strumpfwirkerei mit der Entwicklung zu einem oberhessischen Zentrum.

Geschichte

Bereits 1699 wurde auf Initiative von Daniel Martin die Tochtersiedlung Wolfskaute gegründet. Auch Schwabendorf selbst hat sich im Laufe der Jahrhunderte stetig erweitert und vergrößert. Viele deutsche Personen und Familien kamen nach Schwabendorf und vermischten sich mit den Franzosen. Ebenso wie der Kontakt zu den anderen Kolonien in Nordhessen zurückging, nahm er mit den deutschen Nachbarn zu. Nach und nach wurde so aus der colonie française eine deutsche Gemeinde; in der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde die französische Muttersprache in Schule und Gottesdienst aufgegeben. Die erste Fachwerkkirche wurde 1875 durch die „Hugenotten-Gedächtniskirche“ ersetzt. Zurückgedrängt wurde Anfang des 19. Jahrhunderts auch die Strumpfwirkerei, so daß der Haupterwerb im Dorf die Landwirtschaft und das Handwerk wurde.
Nicht aufgegeben aber wurden in Schwabendorf die Einnerungen an ihre Vorfahren, die einst unter dem Zeichen großer Treue und Standhaftigkeit zu ihrem Glauben, unter Aufgabe allen Hab und Gutes und in größter Not ihre Heimat verließen. Nicht aufgegeben wurden die von Generation zu Generation übertragenen Traditionen gegenseitiger und gemeinschaftlicher Hilfe. Sie sind vielleicht die psychologische Erklärung für das Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl, das die Nachfahren der Flüchtlinge von einst in Schwabendorf noch immer prägt.

Andenken

Heute pflegt die ländliche Gemeinde, seit 1972 mit ca. 475 Einwohnern Stadtteil von Rauschenberg, ihre Tradition mit besonderen Intensität. Wichtigster Ausdruck ist die durch den „Arbeitskreis für Hugenotten- und Waldensergeschichte Schwabendorf e.V.“ vorgenommene Einrichtung des Dorfsmuseums mit dem Namen des bedeutendsten Pfarrers aus der Gründerzeit: Daniel Martin. Dem Besucher des weithin bekannten Museums wird die Möglichkeit gegeben, neben einem Einblick in die Hugenotten- und Waldensergeschichte auch die ausführliche Dorfgeschichte kennenzulernen. Nicht zuletzt dank dieses Museums und des besonderen Geschichtsbewußtseins der Bewohner wurde Schwabendorf 1996 im Rahmen des hessischen Wettbewerbs „Unser Dorf“ zweiter Landessieger.
Ein herausragendes Ziel des Dorfes ist ferner die Pflege der Verbindung zu den Herkunftsgebieten der hugenottisch-waldensischen Vorfahren in Frankreich und Italien. Die vielfachen Gruppenreisen der Schwabendorfer in den vergangenen Jahren erhalten diese Bestrebungen aufrecht und lebendig.

Gerhard Badouin


Literatur: Arbeitskreis für die Geschichte der Hugenotten und Waldenser in Schwabendorf e.V., Schwabendorf und Wolfskaute 1687-1987. Tradition - Heschichte - Gegenwart, Schwabendorf 1987.



Zu den Bildern:

Auf diesem Luftbild vom alten Ortskern sieht man, warum es in Schwabendorf eine Winterseite gibt, wo der Schnee länger liegen bleibt, und eine Sommerseite, die die Sonne ins Haus bringt. Am oberen Ende die Kirche und der Friedhof

Dorfmuseum „Daniel-Martin-Haus“, 1984 „auf der Winterseite“ eröffnet




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