Wurmberg

Im Jahre 1699 wurden in Wurmberg ca. 200 reformierte französische Glaubensflüchtlinge ange¬siedelt, die zur Gruppe des Waldenserpfarrers Henri Arnaud gehörten. Vogt Greber vom damals zuständigen Oberamt Maulbronn schrieb in einem Brief vom 25. Juni 1699 an den württembergischen Herzog Eberhard Ludwig: „in Wurmberg sind 500-600 Morgen Felder und Weinberge vom Dreißigjährigen Krieg her verödet. Aufgrund einer Besichtigung mit Deputierten der Waldenser haben denen vom Du Queyras der Platz an der Landstraße zu Pforzheim, die Capell genannt, nicht übel gefallen. Aber auch bei dem an den Flecken angehängten Platz könnten daselbst 30 Familien etabliert werden

Gründung

Die Ansiedlung und Gründung des Ortsteiles „Lucerne“ erfolgte dann ab 1699 unmittelbar bei dem an den Flecken angehängten Platz, wohl auch deshalb, weil sich eine Ziegelei wie auch ein Dorfbrunnen in unmittelbarer Nachbarschaft befanden. Der Ortsname „Lucerne“ ist von den Gründern, die meistens aus dem Queyras im Dauphiné stammten, sicher gewählt worden, weil sie seit 1690 bei den Waldensern im Val Lucerne (heute Pellicetal) Zuflucht fanden, bis sie dann 1698 auch das Piemont verlassen mußten.
1701 kamen nochmals etwa 60 Waldenser über Hessen nach Wurmberg, die zum Großteil aus dem Pragelatal stammten. Zusammen mit ihnen huldigte auch der Kaufmann Antoine Seignoret, der aus Guillestre im Dauphiné stammte und zu seinen vier Geschwistern nach Wurmberg-Lucerne kam. Durch ihn kamen die ersten Kartoffeln nach Württemberg. Er hatte dem Waldenserpfarrer Henri Arnaud von dessen Verwandten aus La Tour (Torre Pellice) im piemontesischen Lusernatal 200 Stück zur Anplanzung und Weiterverbreitung in den württembergischen Waldenserkolonien mitgebracht.


Neubärental

Die Kolonie Lucerne umfaßte laut Einwohnerliste ihres ersten Pfarrers Cyrus Scion vom 15. Mai 1702 insgesamt 264 Personen. Im Zentrum von Lucerne befand sich die Waldenserkirche mit angrenzendem Friedhof, Pfarrhaus und französischer Schule.
Die Waldenser in Lucerne bildeten dann im Jahre 1725 eine gemeinsame Kirchengemeinde mit den Reformierten aus dem nahegelegenen Neubärental, eine Kolonie von deutschen Reformierten, die 1719 ihr Heimatdorf Bärenthal im katholischen Hohenzollern-Sigmaringen ebenfalls ihren Glaubens wegen verlassen mußten. Diese Kolonie umfaßte ca. 40 Personen.
Die Waldenserkirche in Lucerne wurde in der Hauptsache durch reformierte Pfarrer aus der Schweiz betreut (Proselytenkammer Zürich), die zweisprachig waren. Diese wurden mehr als 100 Jahre lang mit einer Pension aus der Schweiz, den Niederlanden und England finanziell unterstützt. Im Jahre 1824 wurde diese französisch-deutsche reformierte Gemeinde Lucerne-Neubärental nach königlichem Erlaß der lutherischen Landeskirche eingegliedert. Auch die französische Schule und Sprache durften nicht weitergeführt werden.


Ende der Kolonie

Aus zwei in französischer Sprache verfaßten Kirchenbüchern, welche ab 1725 geführt wurden, geht hervor, daß sich die Waldenser durch Heirat mit den Neubärentalern vermischten, aber auch mit Lutherischen von Wurmberg. Durch diese Vermischung und durch Abwanderung hat die Kolonie dann mehr und mehr ihre Originalität verloren.
Waldenserkirche und Pfarrhaus wurden nach Auflösung der Kolonie an Dorfbewohner verkauft, später die lutherische Kirche von Wurmberg erweitert und 1928 in Neubärental eine evangelische Kirche errichtet. Das Gebäude der Lucerner Kirche (als Wohnhaus umgebaut) wurde 1945 kurz vor Kriegsende durch Artilleriebeschuß zerstört. Auf diesem Platz wurde 1991 ein Waldenserdenkmal mit zwei Felsblöcken aus dem Lusernatal in Piemont mit vorgelagerten Bachfindlingen aus den Dörfern von Wurmberger Waldenservorfahren aus dem französischen Distrikt Queyras errichtet.


Heute

Die selbständige Gemeinde Wurmberg mit Ortsteil Neubärental zählt heute ca. 2.650 Einwohner. Es gibt noch einzelne landwirtschaftliche Betriebe. Die meisten Einwohner arbeiten in Pforzheim.

Richard und Marianne Fritz

Literatur: Eugen Bellon, Geschichte der Kolonie Wurmberg- Lucerne - Neu-Bärental 1698-1823, Selbstverlag 1989.



Das Waldenserdenkmal von Wurmberg


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