Welschneureut (bei Karlsruhe)

„Eine Waldenserkolonie ohne Waldenser“ schrieb einst der Freiburger Professor Friedrich Metz über den Ort Welschneureut. In der Tat, ein Großteil der Glaubensflüchtlinge, welche 1699 die Colonie de Neureuth gründeten, waren Hugenotten aus den südfranzösischen Landschaften Dauphiné und Languedoc. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) waren sie in die Schweiz geflohen. Als dann 1698 die aus Piemont verbannten französischen Waldenser ebenfalls in den reformierten Kantonen eintrafen, leitete man alle Religionsflüchtlinge zu den ihnen von den protestantischen deutschen Fürsten zugesagten Zufluchtsorten weiter. 1699 landete eine für die Markgrafschaft Baden-Durlach bestimmte Abteilung (58 Familien - 250 Personen) per Schiff am nahen Rhein. Man wies ihnen bei dem im Dreißigjährigen Krieg und den nachfolgenden Kampfhandlungen Ludwigs XIV. zerstörten und nahezu entvölkerten Dorf Neureuth verwildertes Gelände zu.

Geschichte

Die neuen Untertanen wurden in einem sogenannten „Freiheitsbrief“ des Markgrafen Friedrich Magnus mit besonderen Privilegien ausgestattet. Die Hoffnungen des Landesherrn, die Emigranten würden neues Gewerbe in das Land bringen und so dessen Wohlstand mehren, erfüllten sich nicht; auch kamen die meisten von ihnen mittellos an. Welschneureut litt in den Anfangsjahren daher unter den zahlreichen Abwanderungen: 10 Jahre nach der Ansiedlung gab es nur noch 29 Familien. Von den 1738 gezählten 34 Familien trugen 16 französische Familiennamen, die anderen waren reformierte Schweizer oder zugewanderte Deutsche, die als Lutheraner in Teutschneureut in die Kirche gingen. Die wirtschaftliche Lage der Kolonie besserte sich, als 1715 ganz in der Nähe die Residenzstadt Carlsruhe gegründet wurde. Zahlreiche Männer wandten sich nun Bauberufen zu und fanden Arbeit und Verdienst, die Frauen verdingten sich u.a. als Wäscherinnen. Wegen der mageren Sandböden und der kleinen Felder und Wiesen ließ sich aus der Landwirtschaft kaum der Eigenbedarf erwirtschaften, sie oblag vielfach den Frauen und den Kindern; angebaut wurden später auch Spargel und Tabak.

Kirche

Bereits im Jahre 1700 bekam der Ort seinen ersten Pfarrer, Daniel Lautier; bis 1801 wurden die Pfarrer von Basel geschickt und besoldet. Im Jahre 1703 schloß sich Welschneureut der Synode der württembergischen Waldensergemeinden an. Der lange währende Verbindung durch den reformierten Glauben, das gleiche Schicksal und die Sprache schuf ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, und seitdem steht der Ort in der waldensischen Tradition. Die Kirchengemeinde nennt sich heute „Waldenser-Pfarrei“, zählt rund 2.500 Seelen und gehört zum Dekanat Karlsruhe-Land.
Als erster Gottesdienstraum der Flüchtlinge diente eine um 1702 errichtete Baracke; im Jahre 1720 folgte eine kleine einfache Holzkirche.1751 wurde das erste massive Gotteshaus mit Pfarrwohnung fertiggestellt. 1898 im Innern umgebaut, brannte es 1944 nach einem Fliegerangriff bis auf die Umfassungswände nieder. Die Kirche wurde unter Nutzung der verbliebenen Mauern, aber größer, wiedererrichtet, und es wurde ein quadratischer Turm angebaut; die Einweihung war1950. Über dem Haupteingang ist noch der Original-Sturzstein von 1751 zu sehen; die Turmeingänge zieren Hugenottenkreuz und Lutherrose. Das Turmfenster erinnert an die seit 1821 in Baden bestehende Bekenntnisunion von Lutheranern und Reformierten. In einer Platte darunter sind eingemeißelt 1699 + 1950 sowie das Lukaswort: Bien heureux sont ceux, qui oyent la parole de Dieu et la gardent (Selig sind die Gottes Wort hören und bewahren) - diesen Spruch gab es bereits in der alten Kirche in gemalter Ausführung. Im Kirchenraum schmückt ein vergoldetes Waldenserwappen den Schlußstein des Chorbogens; die große, farbige Kunstverglasung von Reinhard Dunke, welche 1983 beim Gemeindehausanbau eingesetzt wurde, hat ebenfalls Waldensersymbolik zum Inhalt - als Schmuck der sonst schlichten Hallenkirche.

Eingemeindung

Die bis dahin selbständigen Dörfer Welsch- und Teutschneureut (ca. 1.600 bzw. ca 1.800 Einwohner) wurden 1935 zur Gemeinde Neureut/Baden zusammengeschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Neureut nochmals Heimat von Flüchtlingen und Vertriebenen, mehrheitlich katholische Donauschwaben. Inzwischen auf 13.600 Bürger angewachsen, erfolgte dann 1975 die Zwangseingemeindung in die Stadt Karlsruhe. Die Mehrzahl der Neureuter arbeitet in Betrieben oder Büros in Karlsruhe, in geringerer Zahl im Stadtteil selbst; die Landwirtschaft spielt eine untergeordnete Rolle - begehrt sind heute die Flächen als Baugrund. Gegenwärtig leben im Gebiet des ehemaligen Welschneureut nahezu 6.000 Menschen. Jene Einwohner, die ihre Abstammung auf die Flüchtlinge des Jahres 1699 zurückführen, bilden eine Minderheit. Nachstehende französische Familiennamen sind heute noch vertreten: Boeuf, Clour, Crocoll, Durand, Gros, Herlan, Marsch (Marche), Müller (Meunier) und Renaud. Die Kirchenbücher sind seit dem Jahre 1699 vollständig erhalten.

Andenken

Leider fehlen weitere historische Bauten, Denkmäler, Tafeln usw. Entlang der Hauptstraße finden sich vereinzelt noch Giebelhäuschen, die jenen der zweiten Baugeneration ähneln. Innerhalb des im Aufbau begriffenen Ortsmuseums wird sich auch „Welschneureut“ darstellen. Im Ortsteil befindet sich die „Hardtstiftung“, eine Einrichtung der Diakonie. Vor bald 150 Jahren als Waisenhaus für die Hardtdörfer gebaut, betreut sie heute junge Frauen, Mütter und deren Kinder.
Der waldensischen Vergangenheit wird zumeist in der Kirchengemeinde gedacht, bei entsprechenden Anlässen auch ein Waldenserlied gesungen. Neureut-Süd bereitet sich vor, der Ansiedlung vor 300 Jahren gebührend zu gedenken. Mögen sich auch künftige Generationen der Ursprünge erinnern!


Wilhelm Meinzer + (= Zeichen für Gestorben)

Literatur: Hermann Ehmer, Geschichte von Neureut, Neureut 1983.Wolfgang H. Collum, Hugenotten in Baden-Durlach. Die französischen Protestanten in der Markgrafschaft Baden-Durlach, insbesondere in Friedrichstal und Welschneureut, Ubstadt-Weiher 1999.

Zu den Bildern:

Dienstsiegel der politischen Gemeinde

Übersichtsplan von 1865 (Großherzogliches Katasterbureau). Im Ausschnitt sind beide Dörfer erkennbar - dem Verlauf des Geländebruchs folgend - sowie die gesamte Welschneureuter Gemarkung

Innenansicht der Hallenkirche


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