Perouse (bei Heimsheim)

Am 13. Juni 1699 kamen 71 Familien (242 Personen) in Heimsheim an und bauten am östlichen Rand der Markung Baracken. Zur Erinnerung an ihren Heimatort Perosa im unteren Chisonetal nannten sie ihren neuen Ort Perouse. Von ihren Waldensernamen sind bis heute erhalten geblieben: Baret, Mouris, Simondet und Vincon. Weitere Familien mit Waldensernamen, Baral, Charrier, Gayde, Jaimet, Roux und Servay, sind zugezogen.

Geschichte

Nach schwierigen Anfängen war man 1738 in der Lage, in der Hauptstraße das schlichte Gotteshaus zu errichten. Neben dem Kircheneingang erinnert das Waldenserwappen mit dem Wahlspruch Lux lucet in tenebris an vergangene schwere Zeiten. Weitere historische Bauten sind das Evangelisches Pfarrhaus (1762), die Zehntscheuer und das Rathaus (1867). Das Henri-Arnaud-Denkmal bei der Waldenserkirche stammt von 1899. Die Taufregister der Kolonie fangen im August 1699, die Trau- und Sterberegister 1737 an.
Im Jahr 1839 kauften die Perouser der Stadt Heimsheim für 3.924 Gulden die Markungsrechte ab. 140 Jahre nach seiner Gründung war Perouse damit eine selbständige Gemeinde. Weil die Markung mit 266,5 ha sehr klein war, blieb Perouse jedoch eine arme Gemeinde. Um 1885 begannen die Perouser mit dem Anbau von Kraut und machten damit die besten Erfahrungen und beträchtliches Geld. Das Kraut ist auch heute noch für seine gute Qualität bekannt. 1888 wurde die Spar- und Darlehenskasse Perouse, die heutige Volksbank, gegründet.
Nach einem katastrophalen Trockenjahr 1893 konnte der unermüdlich tätige Pfarrer Wilhelm Kopp erreichen, daß eine Wasserleitung von Heimsheimer Quellen nach Perouse gebaut wurde. Diese wurde 1895 fertiggestellt und mit einem Wasserfest eingeweiht. Seit 1985 ist Perouse an die Wasserversorgung Rutesheim angeschlossen. Seitdem gehören die vorher immer wieder vorkommenden Un¬terbrechungen der Wasserversorgung in Perouse der Vergangenheit an.


Eingemeindung

Bei der Gemeindereform ging es vor allem um die Frage, ob bei einem freiwilligen Zu¬sammenschluß die geschichtlichen Aspekte (Heimsheim) oder die wirtschaftlichen Aspekte (Rutesheim) stärker zu gewichtet seien. Bei einer Anhörung der Perouser votierten 73 Prozent für Rutes¬heim. 1972 erfolgte der freiwillige Zusammenschluß mit Rutesheim. In den vergangenen 26 Jahren hat die Gemeinde Rutesheim den Ortsteil Perouse unter Wahrung seiner Eigenart weiter entwickelt und alle in der Eingliederungsvereinbarung genannten Zusagen erfüllt. Mit der Erschließung von den drei Baugebieten Bauplatzwiesen, Hanfländer und Vallon ist die Einwohnerzahl von 900 Einwohnern am 1. Januar 1972 auf heute 1.150 gewachsen. Die meisten Einwohner sind beruflich in Rutesheim, Leonberg und Stuttgart tätig.

Seit 1972

Die Zunahme der Einwohner erforderte die Verbesserung der Infrastruktur. 1951 wurde ein Schulhaus in der Ortsmitte eingeweiht. Ab 1964 wurden die Hauptschüler zuerst in Heimsheim und ab 1973 in Rutesheim unterrichtet. 1973 hat das Kultusministerium die zweiklas¬sige Grundschule Perouse aufgelöst und die Kinder seither in Rutes¬heim eingeschult. 1961 wurde der Friedhof erweitert und eine Leichenhalle gebaut. 1962 folgten die Kanalisa¬tion und die Kläranlage. Nachdem 1968 ein Kindergarten an der Silcherstraße neu gebaut wurde, folgte bereits 1970 die neue Gemeindehalle. 1994/95 wurden 1.370 m Hauptkanäle vom 1987 gebauten Regenüberlaufbecken erneuert. Neu angelegt wurden 2 Spielplätze und 1987 eine Begegnungsstätte für ältere Bürger im früheren Schulhaus. Die Feuerwehr konnte 1983 ihr neues Feuerwehrgerätehaus beziehen, und im angrenzenden ehemaligen Lehrerwohngebäude wurde die neue Verwaltungs¬stelle eingerichtet; 1994 wurde ein neues Löschfahrzeug übergeben. Seit 1973 ist im früheren Schulhaus die Ortsbücherei eingerichtet. 1990 wurden alle Wohngebiete zu Tempo-30-Zonen, und seit 1992 ist Perouse mit Breitbandkabel versorgt.
Die Ortsumgehung Perouse im Zuge der Landesstraße Friolzheim-Rutesheim wird 1999 Wirklichkeit. Anschließend wird die Gemeinde die seitherige 550 m lange Ortsdurchfahrt zum verkehrsberuhigten Bereich zurückbauen. Unser Waldenserort Perouse ist somit ein Kleinod im Kreis Böblingen mit historischen Wurzeln.

Martin Killinger


Literatur: Herbert Vinçon,Ortschronik Perouse. Rückblick auf 300 Jahre Ortsgeschichte 1699-1999, Heimsheim 1998; Monika Lachenmaier,Perouser Familien 1699-1997, Eigenverlag 1999.

Zu den Bildern:

Perouse Oberdorf 1899 (Henri-Arnaud-Haus Ötisheim-Schönenberg)

Perouse, Ortseingang von Rutesheim 1916. Postkarte (Gemeinde Rutesheim)

Henri-Arnaud-Denkmal, errichtet 1899




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